Segel-Kaffee
Man lernt nie aus.
Eine Bekannte von mir (ich schreibe so, um Spuren zu verwischen, damit keiner weiß, das es sich um meine Frau handelt und evtl. Rückschlüsse auf meine Person ziehen könnte) arbeitet seit 30 Jahren als Professorin an einer Hochschule. Sie hat einen neuen Studiengang entwickelt, mehrere Bücher geschrieben und ist sehr beliebt bei den Studenten. Zu solchen Jubiläen gibt es dann eine Dozentenkonferenz in der die Leitung für die Jubilierenden (aus Kapazitätsgündern werden gerne mehrere auf einmal abgehakt) eine kurze Dankesrede hält und ihnen feierlich ein Geschenk überreicht.
Die Dankesrede bestand aus: der genauen Bezeichnung des Jubiläums, und: einem Dank. Das Geschenk war: eine Tüte mit 250g Kaffee. Und on top: 3 Schokoriegel! Für jedes Jahrzehnt eins? PUH. Das hat zwar leichte Irritationen, Enttäuschung, später gar Ärger verursacht, aber sie hat die Contenance behalten und es im Nachhinein mit Humor genommen. So ging es mir auch.
Im Ernst: ist die Hochschule pleite? Wollten sie gezielt jemanden ärgern? Eine Intrige? Angst vor Bestechungsvorwürfen? War nur der Blumenladen zu? Nein: es war menschliches Versagen aufgrund ausgeprägter Kleinkariertheit! Und Stillosigkeit. Wenn das so weitergeht, sage ich der Hochschule ein baldiges Ende voraus!
Der Kaffee ist immerhin Fairtrade (das Wort kennt man mittlerweile). Und jetzt zum Kern dieses Artikels: „gesegelt“. Häh? „Emissionsarm mit Windkraft statt mit Schweröl transportiert“. Und sonst das Übliche: biologisch, von kleinsten Kleinbauern in mühsamer Arbeit per Hand (es steht zwar nicht da, aber ich nehme an, nur bei Vollmond) in Nicaragua geerntet und per Langzeitröstung veredelt. Selbstverständlich Spitzenkaffee! Da hat sich wohl jemand sehr ausführlich Gedanken bei der Auswahl eines wertigen Geschenks gemacht.
Die Enttäuschung für meine Bekannte hat mich berührt und beschäftigt. Als sie an dem Tag abends nach Hause kam, stand da ein ordentlicher Blumenstrauß mit einer stilvoll kitschigen Glückwunschkarte, handgeschrieben und unterzeichnet – von der Rektorin!
Liebe P.,
herzlichen Glückwunsch zu Deinem 30-jährigen Jubiläum! Vielen Dank für Deinen großartigen und selbstlosen Einsatz, der die [Name der Hochschule] auch enorm weitergebracht hat. Bleibe uns noch viele Jahre erhalten!
Deine Präsidentin G.
Das war gefälscht. Den Namen der Präsidentin musste ich Gugeln. Aber SO gehört sich das. Die Aktion hat ordentlich und nachhaltig Wirkung gezeigt. Alles wieder gut.
Liebe G. ich biete auch mal Coaching für Führungskräfte an, Schwerpunkt Stilbildung, Umgang mit Mitarbeitern. Melde Dich gerne.
Wir haben ihn heute feierlich probiert. Er schmeckt nicht. Er wird weiterverschenkt (gerne melden) oder als absolute Notreserve für kommende Katastrophen eingelagert. Und wir werden zum original-italienischen Espresso zurückkehren, auch wenn wir damit nicht die Welt retten.