Hausbesetzer
Als ich in den Achtzigern nach Berlin kam, gab es eine akute Wohnungsnot. Kommt mir heute noch bekannt vor. Berlin eben.
Es herrschte akuter Wohnungsmangel und gleichzeitig standen über 120 Häuser komplett leer, der Spekulation ausgesetzt, da war es quasi Pflicht und gemeinschaftliches Ansinnen die Häuser zu besetzen. Und ich möchte betonen, und anerkennen, dass diese Leute auch dazu beigetragen haben, dass nicht so viele schöne Altbauten abgerissen wurden, wie geplant. Aber natürlich ist es illegal.
Ich war auch mal einer von denen. Indirekt. Nicht so radikal, wie andere. Aus bildungsbürgerlichem Milieu stammend, mit vorhandener Wohnung, wenn auch ein Rattenloch, eher ein Luxus-Hausbesetzer so wie ich in der Zeit wohl auch eher ein Edel-Punk war. Aus Erkenntnisinteresse. Das Haus in der Danckelmannstraße war schon von anderen erobert. Irgendwie durfte ich mit meinem Freund M.P. einziehen. Wir hatten ein Zimmer hellblau angemalt mit einem roten Streifen, der so schräg versetzt war, dass wenn man in der Eingangstür stand, das wie ein perspektivisch korrekter horizontaler roter Rahmen aussah. Aber im Raum sah es total schräg aus. Genial, oder?
Wir sahen uns leider als „Instandbesetzer“. Die Guten. Ich erinnere mich an ständige und lästige Renovierungsarbeiten am Haus. Auch gab es Yogagruppen mit verschiedenen schrägen Übungen und manchmal übernachtete man mit ca. 20 Leuten im Gruppenraum, um die Gemeinschaft zu stärken. Puh. Zum gemeinsamen Frühstück gab es Öko-Vollkornbrot (so hieß das damals; und das war Avantgarde!) und Salbei-Tee. Am Nachmittag gerne mal eine Tüte. Im Gemeinschaftsraum lief die LP (ein etwas altmodischer Tonträger, auch Langspielplatte genannt) Boys Don’t Cry von The Cure auf einem entsprechendem Plattenspieler rauf und runter und ich habe dabei auch mal mit einer schrägen Engländerin etwas Spaß gehabt. Aber nur selten habe ich in unserem Zimmer übernachtet. Ich war auch nie so der Gruppenfreak. Das Ganze eher eine Erfahrung ein Kunstprojekt, als ein Lebensinhalt. Vollkommen unglaubwürdig. Null Streetcredibility.
Sehr viel später war ich dann auch mal bei einer echten Hausbesetzung dabei, in der wunderbaren Vorbergstraße. Jemand bricht die Tür auf geht rein und alle kommen nach. Eine unglaublich große Wohnung. Und wir posieren auf dem Balkon für Fotos (Beleg wird nachgereicht). Nach einer Viertelstunde gab es das Gerücht, dass die Polizei schon im Anmarsch wäre (die waren mittlerweile strenger) und ich bin dann, wie die meisten, schnell wieder aus dem Haus gerannt und habe zugesehen, wie die glorreiche Besetzung leider kurzfristig beendet wurde. Schade um die schöne Wohnung, da wäre ich gerne länger geblieben.
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